Ferienlager

Als ich dreizehn Jahre alt war, fuhr ich für zwei Wochen ins Ferienlager an die Ostsee. Diese zwei Wochen bedeuteten Sonne, Strand und Open-Air-Discos. Die Discos waren die abendlichen Highlights.

  Dann schmissen sich zwei Mal die Woche dreißig Kinder und Teenager zum Rhythmus von Queens „We Will Rock You“ auf die Knie und klatschten abwechselnd in die Hände und auf die Betonplatten. Ich war eins der ersten Kids auf der Tanzfläche. Nach dem Abendessen gingen die Partys ab. Ich schlang die mit lichtdurchlässigen Wurstscheiben belegten Schnitten runter, kippte den abgestandenen Pfefferminztee in mich rein und fieberte dem Abend entgegen. Ich fand es aufregend, fernab des Kinderzimmers bis in die Nacht hinein aufzubleiben. Auf dem großen Platz vor dem Hauptgebäude tanzte ich unter freiem Himmel solange auf den Platten rum, bis DJ Paillettenhemd die Musik abdrehte.

  Von Körpergefühl hatte ich noch nie etwas gehört, geschweige denn an mir wahrgenommen. Ich riss beim Tanzen unkontrolliert die Arme in die Höhe, versuchte mit dem Oberkörper wie in den Aerobic-Videos im Takt zu zucken und stampfte mit den Beinen gnadenlos imaginäre Dellen in den Boden. Das war kein Tanzen, sondern missglückte Popgymnastik. Ich machte mich freiwillig zum Körperklaus und es war mir vollkommen egal.

  Nach dem Schmachtfetzen „Hunting High and Low“ von a-ha war immer Feierabend. Dann ging ich vom Tanzen glücklich erschöpft in meinen muffigen Bungalow zurück. Ich lag in meinem Doppelstockbett und versuchte mich an die Playlist und an bestimmte Melodien zu erinnern. Am nächsten Tag schrieb ich die Songtitel, die mir noch eingefallen waren, in verstümmeltem Englisch auf. Ich notierte sowas wie
„Giff mor fium“, was in etwa  „Give me more of you“ heißen sollte.

  Die Open-Air-Discos waren DAS Schlüsselerlebnis. Von da an wollte ich häufiger die Nächte durchtanzen. Das stand für mich fest. Nur war ich noch zu jung, um durch die Clubs zu tingeln. Abgesehen davon, gab es in dem Nest, in dem ich aufwuchs keine Clubs, höchstens einen verkommenen Jugendclub. Und der war nicht cool.

  Klar wie Kloßbrühe war ebenfalls, dass diejenigen, die sogar im Ferienlager pünktlich ins Bett gingen, auch Zuhause keine Freunde hatten. Die waren langweilig. In meinem Bungalow schliefen die Strebermädchen, die Dave Gahan und Martin Gore von den Synthie-Poppern Depeche Mode anhimmelten. Ihre Musik klang für mich nach Pieptönen in Operationssälen und die Bandmitglieder glotzten in ihren schwarzen Lederjacken und hochgestylten Haaren arrogant von den mitgebrachten Postern. Die Mädchen hatten mit den Milchbrötchengesichtern die Kleiderschranktüren beklebt. Meine Zimmergenossinnen lagen dann verträumt in ihren Doppelstockbetten und schwärmten vor sich hin. Sie gingen lieber Pferde streicheln als sich einen vergnüglichen Abend zu machen.

  In dem Bungalow nebenan pennten die Jungs, die Heavy Metal hörten, Metallica, Judas Priest, Slayer und so. Sie waren witzig, frech und anders. Für sie gab es keine Sperrstunde. Die Jungs zogen ihr Ding durch. Mit ihnen wollte ich abhängen. Tagsüber lümmelten sie vor ihrem Bungalow rum, hörten ihre Kassetten rauf und runter und abends hingen sie in irgendwelchen Ecken auf dem Gelände ab. Wahrscheinlich rauchten sie dort heimlich. Sie waren eine eingeschworene Truppe und für alle im Ferienlager unnahbar. Ich fand sie faszinierend und wollte sie gern kennenlernen. Stattdessen war ich im Tischtennisteam gelandet.

  Mit Sport hatte ich nicht viel am Hut, aber Tischtennis war okay. Mein Team trainierte fast täglich für einen unnötigen Wettkampf und ich freundete mich mit einem Mitspieler an. Nach zahlreichen Tischtennisrunden verstanden wir uns ganz gut.

  Am vorletzten Abend ließ er mir über einen gemeinsamen Spieler ausrichten, dass er mich hinter dem grünen Bungalow in der Nähe des Tischtennisplatzes treffen wollte. Zeitgleich fand an dem Abend auch die letzte Disco statt. Ich wunderte mich, weshalb er mich ausgerechnet jetzt sehen wollte. Ich genoss jeden Song und tanzte gerade wie eine Wilde. Was wollte er von mir? Lustlos verließ ich meine eingetanzte Betonplatte und ging zum Treffpunkt. Als ich vor ihm stand, begrüßten wir uns kurz. Dann nahm er wortlos meine Hände in seine und überfiel mich mit einem ekligen feuchten Kuss. Seine Zunge kreiste einmal um meine Lippen, dann stieß er sie in meinen Mund, ließ sie noch eine Runde rotieren und fegte mir den Plaque von den Zähnen. Dabei machte er schmatzende Geräusche. Was war das denn? Auf jeden Fall kein Kuss.

  Ich wollte nur noch zu meinem eingestampften Fleckchen auf der Tanzfläche zurück. Als er sich nach einer gefühlten Ewigkeit von mir löste, wischte ich mir mit dem Handrücken seinen Sabber vom Mund, schaute ihn angewidert an und machte mich vom Acker. Was für eine sinnlose Aktion. Die Tischtennispartien fanden am nächsten Tag ohne mich statt.

  Vor der Abreise ging bei einigen Mädchen die Heulerei los. Sie hatten sich in den zwei Wochen irgendwie in die Jungs aus dem Feriendorf verknallt. Ich freute mich auf Zuhause und hatte zwei Lektionen gelernt: Triff dich niemals mit einem Typen hinter einem Bungalow und tanze verdammt noch mal, solange du kannst, immer!

 


„Sex on fire“ mit Angina

[...]  Meine Leute tanzten an diesem Samstagabend schon seit Stunden. Ich trödelte noch zu Hause rum und richtete mein sommerliches Flatterkleidchen her, holte mir eine Dönerbox und eine Cola auf die Hand und ging ins Rosi’s, das mittlerweile zu meinem zweiten Wohnzimmer geworden war.

  Ich mochte die alte Baracke, die innen wie eine abgefuckte Wohnung aussah: mit einer Küche, zwei großen Zimmern mit goldfarbenen Wänden als Dancefloor, einem langen Flur und einer zweiten Etage, die als Raucherlounge genutzt wurde. Im Flur waren die Wände und die Decke mit Konzertplakaten beklebt. Dass die Wände auf den Dancefloors goldfarben waren, sah man allerdings erst, wenn morgens um sieben Uhr die Festtagsbeleuchtung angeknipst wurde.

  Kurz vor der Garderobe stand ein olles verstimmtes Klavier, an dem sich alle möglichen am Soundtrack von „Die fabelhafte Welt der Amélie“ versuchten. Die Mitarbeiter an der Garderobe konnten einem leidtun. Weil nicht nur die Mucke von den beiden Dancefloors bei ihnen ankam, sondern weil sie auch noch das Klaviergeklimper ertragen mussten. Dann setzten einige von ihnen immer noch einen drauf und drehten sich im Garderobenkabuff ihre eigene Musik laut auf.

  Rechts neben der Eingangstür befand sich die Bar. An den Wänden hingen aufwendig gerahmte Gemälde mit Landschaften, nackten romantischen Engeln und sich auf Chaiselongues räkelnden Elfen, getoppt von einem ausgestopften Hirschkopf. Auf dem großen Dancefloor stand eine gelbe Telefonzelle. Auf ihr klebte der Hinweis RAUCHER. So ungezwungen der Möbelmix war, so ungezwungen ließ es sich dort feiern.

  Ich mochte die lässige Atmosphäre, den Geruch des Disconebels an den Klamotten, die flackernden Lichter, die Leute, wenn sie Spaß beim Tanzen hatten. Und da ich mich sonst von sportlichen Aktivitäten fernhielt, war so ein Party-Hard-Abend meine größte sportliche Leistung.  [...]

 


Wer bist du denn?

Das Jahr neigte sich dem Ende, und ich hörte begeistert „Thank God the Year Is Finally Over“ von Paper Route. Es waren nur noch zwei Wochen bis Weihnachten.

  Doch bevor ich mich in den wohlverdienten Urlaub verabschieden konnte, wollte ich mindestens noch zwei After-Work-Tänze mit Sophie im Rosi’s nutzen. Das Outfit für den Abend hatte ich in weiser Voraussicht gleich ins Büro mitgenommen und ich sehnte schon seit dem Vormittag den Feierabend herbei. Punkt achtzehn Uhr ließ ich den Stift fallen, fuhr den Rechner runter, schwang mich in meine Partyklamotten und war raus. Von mir sah man nichts weiter als einen Kondensstreifen am Bürohorizont.

  Am Ostkreuz traf ich Sophie, die bereits in einer Bar auf mich wartete. Beim Vorglühen brachten wir uns auf den neuesten Stand und zogen mit zwei Cocktails im Kopf von der Bar an den Tresen im Rosi’s.

  Obwohl mich der Arbeitstag extrem geschlaucht hatte, wusste ich, dass ich nur so lange die Müdigkeit bekämpfen musste, bis ich im Club stand. Ich war der Typ Mensch, der tagsüber noch so fertig in der Gegend rumhängen konnte, bei dem aber, sobald er die Schwelle des Clubs übertrat, alle Lampen angingen.

  Langsam füllte sich der Schuppen, und ich freute mich auf den Totalabriss so kurz vor Weihnachten. The Kooks aus Brighton mit einem ihrer Überhits „Ooh La“ waren der ultimative Floorfiller. Der Song ging immer. Wir sprangen von unseren Barhockern und schlängelten uns durch die Massen bis zu unserem Lieblingstanzeckchen vor dem DJ-Pult.

  Schon nach kurzer Zeit hatte mich irgend so ein Hässlon auf der Tanzfläche im Visier. Halloween hielt dieses Jahr aber lange an. Seine Glotzerei war so offensichtlich, dass sogar ich sie mitbekam. Das, was ich alles nicht wollte, checkte ich auf tausend Meilen. Bestimmten die zwei Euro Eintritt etwa meinen Marktwert? Da halfen nur alkoholische Limos, Sophie und ich zogen wieder an die Theke. Ich hatte es bald bunt im Kopf, und irgendwann verlor ich sie im Tanzgewühl. Aber solange es Musik gab, tanzte ich in meinem Lieblingsblümchenmusterkleid vor mich hin und fühlte mich schön.

  Mein verschmitztes Grinsen schien auch diesen Typen neben mir, so einen Ed-Sheeran-Verschnitt mit dunkelblonden Haaren, zu amüsieren. Er blinzelte zu mir herüber. Irgendwann kam auch die Feierlotte, die sonst immer mit Scheuklappen rumrannte, an den Punkt, an dem sie was checkte. Es war noch weit vor drei Uhr morgens, also alles im grünen Bereich.

  Drei Uhr war die magische Uhrzeit, denn nach drei wurde es gruselig. Wer es bis drei nicht geschafft hatte was klarzumachen, war überm Zenit.

  Der Typ hatte sich nicht erst hart einen angesoffen, um mich anzumachen. Der hatte ja mal Eier in der Hose. Er hielt demonstrativ Blickkontakt und kam langsam näher. Lasst die Spiele beginnen. Fürs Schönsein-Gefühl war es wunderbar, nur zog mir sein Spruch die Winterschuhe aus.

  „Du brauchst in meiner Gegenwart nicht so nervös zu sein“, meinte Ed Sheeran.

  Was für eine plumpe Nummer. Er dachte wohl, ich sei noch nie in einem Club gewesen, hätte noch nie mit Jungs gesprochen, und er sei der eine Auserwählte im ganzen Laden.

  „Wer bist du denn? Ich sonne mich gerade“, korrigierte ich ihn.

  „Ist das deine Masche, so gechillt und witzig zu sein?“, fragte er.

  Eine Masche? Als hätte ich sämtliche Frauen-lernen-Männer-kennen-Ratgeber gelesen, nur um auf genau diese Situationen vorbereitet zu sein.

  „Meine Masche ist, keine Masche zu haben“, antwortete ich und versuchte, an seinem Gesichtsausdruck zu erkennen, ob er das Filmzitat aus „Singles“ erkannt hatte – DEM Film der Neunzigerjahre-Grunge-Szene.

  Lara und ich hatten den Film zu Schulzeiten zum ersten Mal gesehen. Wir fanden ihn megageil, weil alle Bandmitglieder von Pearl Jam mitspielten. Die im Film eingestreuten nur wenige Sekunden dauernden Konzertausschnitte von Soundgarden, Mudhoney, Screaming Trees oder Mother Love Bone schauten wir bis zum Erbrechen. Damals hatte ich gehofft, dass ich irgendwann von einem Typen genauso geflasht sein würde, wie Steve von Linda, als er sie auf dem Konzert von Alice In Chains trifft. Er erklärt ihr, dass er und sein Kumpel sich nie einig darüber werden, ob man als Typ eine Masche braucht, um eine Frau anzusprechen. Sie erwidert, dass man a) eine Masche haben sollte und b) seine Masche offenbar sei, keine Masche zu haben.

  Das Filmzitat ging beim dunkelblonden Ed Sheeran vollkommen unter. Aus welchem Jahrzehnt kam der denn?  [...]

 


Dann erklär dich mal!

Ein weiteres Jahr verging und ich hörte nichts von ihm. Doch urplötzlich meldete er sich aus der Versenkung. Er wünschte mir ein frohes neues Jahr und wollte wissen, ob ich einen schönen Jahreswechsel gehabt hätte.

  Ja, den hatte ich gehabt. Silvester war in Raclette-Fest umgetauft worden und das letzte Pfännchen war immer eins zu viel.

  Nach all den Monaten der inneren Ruhe und Einkehr wurde mein Herz schlagartig und innerhalb von ein paar Sekunden mit einer einzigen Nachricht von ihm aus dem Rhythmus gebracht – wieder einmal.

  Ich antwortete. Natürlich antwortete ich. Das Prickeln setzte sofort wieder ein, das Geplänkel auf Raten auch. Das konnte doch nur scheiße werden. Was war in den letzten Monaten passiert, dass ich er sich so mir nichts, dir nichts wieder meldete? Stand ich auf irgendeiner Jahresagenda, und als Erstes musste der Punkt „bei Lotte melden“ abgearbeitet werden?

  Von da an erreichten mich fast täglich neue Nachrichten, meist aber zu den unmöglichsten Zeiten. Morgens um fünf Uhr schlug er ein Treffen vor. Er würde mir gern von sich erzählen. Nach knapp vier Jahren Hop-on-Hop-off-Quälerei und routinierter Funkstille wollte er sich erklären. Das mussten ja gewichtige Gründe sein, mir so früh am Morgen diese Zeilen zu schicken.

  Nach dem Zähneputzen antwortete ich, dass es tatsächlich an der Zeit sei, zu reden und vor allem einander zuzuhören. Angriff war die beste Verteidigung. Gleichzeitig war ich mir aber auch bewusst, dass auf Stunden oder Tage erstmal keine Reaktion zu erwarten war. Aber ich hatte mir nichts vorzuwerfen.

  Nach einem Jahr hatte ich eigentlich gedacht, er hätte die Geschichte abgehakt. Dann fiel mir wieder Omas Weisheit ein: „Es ist erst vorbei, wenn es vorbei ist.“ War es aber nicht, sonst hätte ich vor aufsteigender Hitze keine roten Flecken am Hals bekommen. Also mit beiden Beinen rein in den Schweineeimer und hinterher das Leben neu sortieren.